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Das europäische Semester

Posted by Jona on Februar 16, 2010
Europa, Peru, Spanien, Studium, Südamerika / 3 Comments

Nach zwei Wochen Aufenthalt in der spanischen Hauptstadt ist mir an Hand folgender Aspekte endgültig bewusst geworden, dass ich nun nicht mehr in Südamerika verweile, sondern ein europäisches Semester absolviere:

  • Beim Verlassen des Hauses muss nun leider wieder – wie bereits leidlich erfahren – stets ein Regenschirm mitgeführt werden und eine dicke Jacke ist ebenso anzuraten, denn zusätzlich beträgt der Temperaturunterschied 25 °C. Ungeachtet dessen, scheint auch hier die die Sonne bisher kaum.
  • Auf dem Weg zur Uni wird man nicht mehr mit 50 anderen Leute in einem Minivan eingepfercht und mit lauter Cumbiamusik beschallt, während der Fahrer halsbrecheriche Manöver vollbringt und man permanent aufgefordert wird doch noch ein bisschen näher zusammenzurücken. Nein, hier  in Madrid kommt man in den vollen Genuss eines modernen, schnellen, sauberen und ruhigen öffentlichen Personennahverkerssytems.
  • Im Laden wird nicht mehr jeder Geldschein den man zum Bezahlen rausrückt fünf Mal auf Falschgeld überprüft.
  • Im Spanischen gibt es nun auch wieder ein Perfekt und sogar die zweite Person Plural darf nun durchaus wieder verwendet werden. Das Lispeln muss man deswegen aber nicht unbedingt gleich übernehmen.
  • Im Café kann nun wieder ohne Bedenken ein Milchkaffee bestellt werden ohne Gefahr zu laufen heißes Wasser und kalten Kaffee zu bekommen.
  • Rotwein kann nun auch wieder getrunken werden ohne dabei einen anaphylaktischen Schock ob des unerträglich hohen Süßegrades zu erfahren.
  • SALAT, ja, SALAT, meine Damen und Herren, darf endlich wieder ohne Bedenken bestellt werden.
  • Beim Verlassen des Hauses muss nun nicht mehr jedesmal daran gedacht werden auch Toilettenpapier einzupacken.
  • Ausgiebige Taxifahrten und Wochenendausflüge ins Hinterland müssen nun leider wieder eingeschränkt werden.
  • Der Ausblick wandert nun nicht mehr von der Dachterasse über die Weite des Pazifik entlang, sondern kommt nach wenigen Metern an der weißen Wand des kleinen Innenhofs zum Halt.
  • Die Bierpreise sind um gute 240% gestiegen (vom Pisco Sour gar nicht zu sprechen) und die Miete um 265%.
  • Care-Pakete aus der Heimat brauchen nun nicht mehr zwei Monate, sondern finden innerhalb zweier Tage ihren Weg nach Madrid.
  • Telefongespräche müssen nicht mehr mit der Weltzeituhr abgestimmt werden um böse Überraschungen zu vermeiden.
  • Und zu guter letzt: BESUCH, ja diesmal erhalte ich tatsächlich so viel Besuch, dass schon der Kalender zur Terminabstimmung herangezogen werden muss!!

Über all diese Unterschiede nachdenkend, bin ich, den vielen schönen Momenten Perus nachtrauernd, gleichzeitig doch froh darüber manches hinter mir gelassen zu haben und es wird einem bei diesem erneuten Anfang nun bewusst, dass sich die Erfahrungen eigentlich gar nicht so sehr unterscheiden. Der Anfang ist auch hier schwer, aber am Ende muss man sich dann doch immer losreissen… und wie Hermann Hesse so schön formulierte:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

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